Sonntag, März 25, 2012

Essen und Trinken in der Kunst (1): "Schinkenfinger" (C. L. Attersee)

950.000 Schilling, umgerechnet etwa 69.000 Euro, wurden 1999 bei einer Wiener Kunst Auktionen für die „Schinkenfinger“ C. L. Attersees bezahlt. Es ist aber nur das teuerste und nicht das einzige Bild Attersees, das eine kulinarische Thematik aufgreift. Es gibt zahlreiche andere Werke von ihm (Torte mit Speisekugeln und Speiseblau“ [1967]; „Farbherz mit Spaghetti“ [1967]; „Urpunsch“ [1978]; „Tischwelt“ [1984] etc.) die auf das soziale Totalphänomen des Essens und Trinkens (Marcel Mauss) anspielen. Viele davon muten verstörend an, die „Schinkenfinger“ wirken dennoch besonders grotesk.

Das mag daran liegen, dass das moderne Radikaltabu des Kannibalismus auf diesem Bild in obszön ästhetischer Perspektive persifliert wird. Denn in aller Regel gilt die Menschenfresserei in der Gegenwartsgesellschaft als eine barbarische und damit un-kultivierte Art der Nahrungsaufnahme primitiver Wilder [übrigens ein etwas vorschnelles Zerrbild der vermeintlich Zivilisierten, wie Tannerhill 1982 gezeigt hat]. Auch (hoch-)intelligente Kannibalen wie der fiktionale Hannibal Lecter oder der ganz reale Achim Meiwes heben dieses Bild nicht auf. Sie erschrecken den Zuschauer massenmedialer Formate bloß wie ein bitterböser Schelm, der jemandem hinter einer Tür mit einem lauten „Buh!“ auflauert, aber einen nicht einmal mittelfristig aus dem ausgeleuchteten Allerweltsalltag herauskatapultieren kann. 

Die „Schinkenfinger“ sehen denn auch weder abgerissen noch irgendwie blutig verschmiert aus. Stattdessen sind sie penibel manikürt, sorgfältig hergerichtet und wirken ausgesprochen hygienisch. Morbide Zivilisation à la carte. Der Name des Künstlers prangt oben links in der Ecke wie ein Markenemblem einer angesehenen Fleischfabrikation. Es fehlt nur noch das CMA-Gütesiegel: Die biederste Auszeichnung für „geprüfte Leistung und Qualität“ auf dem Lebensmittelmarkt. 

Die dekorative Darstellung der „Schinkenfinger“ kokettiert damit, auf Reichtum und Schönheit der Welt verweisen zu wollen, nur um gleichzeitig mittels des intendierten visuellen Defekts über das angetäuschte Ziel hinauszuschießen und auf ganz andere, moralisch äußerst bedenkliche Möglichkeiten derselben Welt aufmerksam zu machen: Sadismus kommt nicht zwangsläufig in der Maske des Hässlichen daher, sondern kann durchaus handwerklich perfekt und geschmackvoll herausgeputzt die Bühne betreten – oder vielleicht sogar von einer tadellosen Hausfrau oder einer ausgebildeten Servicefachkraft serviert werden. Bon Appetit. 

Freilich ist dies nicht die einzige Interpretation des Bildes. Es ist genauso möglich, die invalide Erotik dieser verführerisch auf der Strecke bleibenden Damenfinger auch als Scherz aus der Kategorie des schwarzen Humors aufzufassen. Aber dabei wird man es dann nicht einfach stehen lassen können, denn der „Schwarze Humor“ ist mehr als eine Floskel. Dahinter lauert der Surrealismus und der durchschifft das Unerklärliche erst recht ausführlich und umtriebig (Breton 2011 [1979]).


„Schinkenfinger“ von Christian Ludwig Attersee, 1966, Museum der Moderne Salzburg

Attersee (1940 in Bratislava geboren) lebt und arbeitet in Wien, wo er u.a. als Professor der Akademie für angewandte Kunst unterrichtet.


Literatur:

Breton, A. (2011 [1979]): Anthologie des schwarzen Humors. Rogner & Bernhard.

Mauss, M. (1986): Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften. Suhrkamp.

 Tannerhill, R. (1982): Fleisch und Blut. Eine Kulturgeschichte des Kannibalismus. Goldmann.

Kommentare:

Rahel hat gesagt…

genial, ich werde hier in zukunft öfters vorbeischauen!

Anonym hat gesagt…

Schöner Post. Bin gespannt auf weitere arbeiten :)