Montag, Juli 03, 2006

(56) Einheit und strukturelle Kopplung (LRM13)

Es sind 3 Programmbereiche vorgestellt worden ( "Nachrichten", "Werbung" und "Unterhaltung I" "/II" ), die zwar unabhängig voneinander im System der Massenmedien bestehen, jedoch nicht ganz ohne gegenseitige Einflussnahme aufeinander, nebeneinander existieren. Zusätzlich benutzen alle drei auch noch dieselben technischen Medien. Darum sind bestimmte Signale/Redundanzen erforderlich, die deutlich machen, um welchen Programmbereich es sich gerade handelt. So verwischen schon mal die Grenzen von Information und "guter" Unterhaltung oder Werbung wird etwas zu deutlich als Verbraucherinformation dargestellt.
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Wieso handelt es sich nun, obwohl es (mindestens; Anm. DK) drei Programmbereiche umfasst, um nur ein System der Massenmedien?

Die Antwort liegt in der speziellen Art der weiterführenden Kommunikation in anderen Systemen, die die Kommunikation der massenmedialen Kommunikation als Voraussetzung nehmen, aber von dieser so nicht explizit mitkommuniziert werden. Vor der Hintergrundrealität der Massenmedien lassen sich verstärkt abweichende und individuelle Einstellungen leichter entwickeln und kommunizieren, wobei das was in dem Massenmedien mitgeteilt wurde als soziales Gedächtnis vorausgesetzt wird.

Diese Gedächtnisfunktion, dass man massemedial Veröffentlichtes nicht mehr extra begründen muss, sondern voraussetzt, dass sich jeder daran erinnert, bildet als zweite Realitätsebene eine an der sich die so genannte erste Realität immer orientiert, die sie aber nicht als konsenspflichtig ansehen muss.
 
Die unterschiedlichen Programmbereiche bewirken dieses Gedächtnis gemeinsam und stellen gemeinsam einen Pool von Informationen bereit, aus dem sich dann im Alltag die Alltagskommunikation bedienen kann, um die Verstehenskomponente erfolgreich wahrscheinlicher zu machen. Insofern sind Massenmedien am ehesten mit der Unterscheidung von Medium und Form zu beschreiben, was den Erklärungsansatz, sie als System der MassenMEDIEN zu beschreiben, noch einmal verstärkt ("Soziale Differenzierung; Post 26.6.06 und spätere"). Und gerade dazu, welche Form(en) die Massenmedien annehmen, dazu leisten auch alle Programmbereiche parallel laufend ihre Beiträge.

Dass dennoch die Binnendifferenzierung der verschiedenen Programmbereiche beobachtet werden kann, ist mit den unterschiedlichen strukturellen Kopplungen, welche die Massenmedien mit den unterschiedlichen Programmbereichen zu ihrer Umwelt unterhalten, begründet.

Die Werbung koppelt die Wirtschaft an die Massenmedien, die Unterhaltung die Kunst/Kultur, die Nachrichten die Politik (und die Wissenschaft; Anm. DK) an das System der Massenmedien.

Die Zuschauer beobachten durch die Massenmedien aber die jeweiligen Systeme nicht direkt, sondern üben sich im beobachten von Beobachtern. Der Erfolg von "bildblog.de" basiert z.B. darauf, dass ein massenmediales Format (hier "BILD" ) daraufhin beobachtet wird, wie es den Konflikt zwischen der eigenen Realität und der Realität die es beobachtet, auf seine eigentümliche Art mit eigenen Realitätskonstruktionen bewältigt. Besonders lustig ist in Endlosschleife dann, wie es sich immer wieder selbst diskreditieren muss, um zwar weiterhin die interessanten Themen behandeln zu können, aber nicht durch wenig hilfreiche Altlasten, bei einmal zu schnell abgegebenen Kommentaren, auf eine nicht mehr zu haltende Schiene festgenagelt zu sein.
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... was nicht ausschließt, dass bei wenigen zur Verfügung stehenden Informationen schwerer eigene Meinungen behauptet und entwickelt werden können, als bei entsprechend höherem Informationsgrad.


Kommentare:

lars hat gesagt…

ich habe gerade einen Aufsatz vom "guten Niklas" zur Kultur als historischem Begriff gelesen (in "Gesellschaftsstruktur und Semantik", Bd.1), den ich noch lobend erwähnen werde (sozusagen eine Trüffelpraline der Systemtehorie). Dort lässt er die Gedächtnisfunktion allerdings als Leitdifferenz von Kultur durchsscheinen, die für ihn ja ebenfalls wie die Massenmedien eine Beobachtung zweiter Ordnung darstellt.

Daniel hat gesagt…

Luhmann sieht die Kultur als ein Produkt der gesamtgesellschaftlichen Gesellschaftsbeobachtung (also DIE Beobachtung 2.Ordnung der Gesellschaft) durch die Massenmedien.

"[...]Kultur im Sinne der Umformung von allm und jedem in ein Zeichen für Kultur, ist ein Produkt und zugleich das Alibi der Massenmedien."(Die Realität der Massenmedien", S.154)

Im Moment würde ich sagen, dass die Massenmedien die Funktion eines Kurzzeitgedächtnisses haben ("Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern"). Dass sie aber über bestimmte Beobachtungen ihrer eigenen Inhalte als Kulturgut - über die selbstreferenzielle Seite des re-entry - bestimmte Inhalte/Informationen zur Kultur erklären können (und andere Informationen als sozusagen nur Kopien, Fälschungen, Imitationen von Kultur) und so die Fiktion eines Langzeitgedächtnisses Namens "Kultur" erzeugen. Aber was man gerade als Kultur erinnert wäre ein sehr gegenwärtiger Akt.

lars hat gesagt…

Langzeitgedächtniss und Kurzzeitgedächtniss:
Nach allem was ich bei Luhmann nun gefunden habe, ist das Erinnern eines sozialen Systems immer nur in actu. D.h. ähnlich wie in der Geschichte ist die Frage, ws erinnert wird kontingent (wobei ich einräumen muss, dass er auch von der Einübung spricht, die die Chancen spezifischer Erinnerungen erhöhen).

Zur Unterscheidung vielleicht: Kultur ist bei ihm immer schon vergleichendes Beobachten, es erzeugt Doppelgänger der Dinge.
Trifft dies auch auf die Medien zu?

Daniel hat gesagt…

Klar, alles was stattfindet findet in der Gegenwart statt. Meine rudimentäre Kulturbegriffauffassung stellt sich Kulur halt als emuliertes Langzeitgedächnis vor.

@Doppelgänger/Realitätsverdoppelung: Auch ("auch" im Sinne von "neben Kulur", obwohl diese ja ein Produkt der MassMedia darstellt) MassMedien verdoppeln die Realität, weil sie über Dinge kommunizieren, für die es irgendwo Äquivalente in ihrer Umwelt (das was man gemeinin "DIE Realität" nennt) gibt, dass heißt irgendeine Form der Fremdreferenz läuft da mit - und sei es nur auf diffuse Gefühle oder Phantasien (sonst wären die Zuschauer wohl auch schnell überfordert). Allerdings würde ich sagen, dass es sich dann auch schnell (eigentlich sofort) nicht um Kopien handelt, sondern um Phänomene, die man zeitlich nach den "Orginalen" einordnet, sie dann zu ihnen in Beziehung setzt und das Orginal so als Kopie der Kopie konstruiert, die man aber dann als Orginal bezeichnet.

...und die Realitätsverdoppelung erhöht auch eher die Anzahl der Realitäten, als dass sie nur authentisch starre und fest gekoppelte Spiegel der "1.Realität" schaftt....

@?: Welche Einübungen beobachtet Luhmann?

lars hat gesagt…

Er spricht da wohl von der Wiederholung gleicher Beobachtungen. Er schließt da zur Gehirnforschung auf, für die das Langzeitgedächtnis ja ein physische Spur im Gehirn darstellt. Luhmann spricht hier übrigens tatsächlich von einer materiellen Spur, die ein Instrument (z.B.) der Griffel auf einer Oberfläche hinterlässt (z.B. Wachstafel). Er bewegt sich dabei explizit in der Nähe Derridas (zitiert ihn und verwendet dessen Begriff der Dekonstruktion).
Kultur ist dann die vergleichende Perspektive auf verschiedene Arten, den Griffel zu führen, wobei diese Beobachtung selbst ein Erinnern, also eine Griffelführung darstellt.